Vor mittlerweile fünf Jahren habe ich beschlossen mein Studium erst Mal auf Eis zu legen, um zehn Monate nach Schweden aufs Land zu ziehen. Kaum hatte ich von dem Programm „YIP“, welches dort stattfindet, gehört, habe ich gewusst, dass ich dort lande, ganz gleich ob es ein Bewerbungsfahren gibt oder nicht. Ein „social entrepreneurship training“, wie es hieß. Das Zusammenleben und Lernen mit Menschen aus zwölf unterschiedlichen Ländern war nicht immer ohne Konflikte, aber wir wuchsen daran, fanden Respekt für einander und ich, so kitschig es klingt, fand in dieser Gemeinschaft Heilung. Heilung von einer Gesellschaft, die ansonsten hohe Anforderungen stellt und gleichzeitig betont: Dass, was du tust ist nicht genug. Du bist nicht genug. Durch YIP habe ich an den Haken an einer andere Stelle gehängt. Nicht ich bin ein Problem, sondern die Gesellschaft, wenn sie es nicht schafft sich den Herausforderungen des 21. Jahrunderts zu stellen, wie beispielsweise Klimawandel, Ölknappheit, Migrationsströme und neoliberalen Kapitalismus. Dabei lernten wir in YIP auch von Lösungsansätzen. Von Menschen, die das Gemeinschaftliche in der Welt suchen. Von Menschen, den Klängen und auch dem Knirschen der heutigen Zeit zuhörten. Wir müssen lernen zu zuhören und uns Zeit geben zu verstehen, um zu neuen Ideen zu kommen. Es war in YIP nicht immer leicht umzugehen mal etwas nicht zu verstehen und nicht jedes laute Lachen oder jedes Wechseln in eine Sprache, die mich ausschließt, als Angriff zu verstehen. Sondern als kulturellen Reichtum der Welt. Das hat mich auch vertrauen gelehrt. In andere Menschen vertrauen.

Wenn ich mich heute an YIP erinnere und daran, wie mein Leben seitdem ist, dann frage ich mich häufig: Haben wir es geschafft die Erwartungen einzuhalten? Vielleicht jene Erwartungen, die wir selbst an uns gestellt hatten. Oder die von unseren Lehrer_innen und Mentor_innen. Aber dann denke ich zu meiner Verteidigung gleichzeitig, dass es gar nicht leicht war, die für mich heile Welt von YIP zu verlassen und gleichzeitig jenen Entdeckungen in mir treu zu bleiben, die ich dort hatte. Gleichzeitig ist da aber auch noch dieser Esprit, wenn ich zurückdenke. Ein Feuer in mir, dass mich immer wieder antreibt. Ein Glaube daran, dass eine andere Welt als die heutige möglich ist. Und dass ich daran mitwirken kann. Seit YIP habe ich einige Initiativen gestartet. Zusammen mit Freunden habe ich einen Verein gegründet, der Theater mit Menschen mit und ohne Fluchterfahrung macht. Dabei versuchen wir vor allem Räume zu schaffen, in denen sich verschiedene Menschengruppen begegnen können, die sonst eher selten aufeinandertreffen. Ich habe einen kleinen Infoladen mitgegründet, in dem Leute ihre Kleidung miteinander tauschen können und der gefüllt ist mit Infomaterial zu politischen Themen: Genderdebatten, Klassenunterschiede, Rassismuskritik. Zu guter Letzt versuche ich auch mein eigenes Bedürfnis Kunst zu machen und Geschichten zu erzählen in meinem Leben unterzubringen, auch, wenn ich häufig daran zweifele, dass Kunst diese Welt wirklich zu einem besseren Ort machen kann. Wenigstens ist meine Kunst weniger zerstörerisch geworden. Vielleicht auch nur, weil ich einfach ein Stück gewachsen bin. Doch manchmal schlägt wieder dieses Gefühl durch, dass auch dieses Wachsen nicht genug ist. Du bist nicht genug. Schau dir an, wie es der Welt geht. Was du tust reicht nicht aus. Und dann erinnere ich mich an eine Geschichte, die ich während YIP gehört habe. Sie handelt von wem, der unten am Fluss sitzt und Steine klopft und wen man die Person fragt: Was tust du? So sagt sie: Ich klopf Steine. Nicht fern davon sitzt eine Person, die Steine klopft. Und fragt man die Person: Was tust du? So antwortet sie: Ich baue eine Kathedrale. Dann fällt mir auf, dass es hinter mir irgendwie noch dieses weltweite Netzwerk an jungen Menschen gibt, die auch von einer anderen Welt träumen. Und dass wir viele sind, die eine Veränderung wollen. Und das wir Zeit brauchen um zu lernen. Um zuhören zu lernen. Uns. Und dem Knirschen der heutigen Welt.