Vor einiger Zeit kam die Aufgabe auf mich zu, mich mit dem Thema „Jugend” zu beschäftigen. Am Anfang konnte ich nicht wirklich ein Zugang dazu gewinnen, bis ich gemerkt habe, dass dieses Thema mehr mit mir und mit uns, mit der ganzen Menschheitsgeschichte, zu tun hat, als was ich ursprünglich dachte. Vor allem inmitten dieser Krisenzeit, wo die Jugend und die junge Impulse so viel unter den Umständen leiden, finde ich es sehr wertvoll, über das Wesen der Jugend nachzudenken. Mit diesem Artikel möchte ich Ihnen diese Gedanken, die in mir gerade im Umgang mit diesem Thema leben, mitteilen.

Seit wann gibt es so etwas: „Die Jugend”? Gab es immer eine Jugend in der Geschichte, oder ist sie ein Begriff der Moderne?

Zitate über „die Jugend von heute” findet man bis ins 2000 v. Chr. Da hiess es schon: „Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihren Eltern. Das Ende der Welt ist nahe.” und bei Aristoteles: „Wenn ich die junge Generation anschaue, verzweifle ich an der Zukunft der Zivilisation”. Man kann also sagen, dass von Seite der Erwachsene die Jugend als wilde Entwicklungsphase schon damals existiert hat. Seit dem Anfang der Zivilisation, kann man von einer Gruppe von Menschen sprechen, die bereits selber denken kann, aber noch nicht zu voller Entschlossenheit im eigenen Leben gelangt ist und wohl als ein bisschen wild bezeichnet werden kann. „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll …” heisst es auch bei Sokrates. Ist das aber was wir heute mit der Jugend meinen? Entspricht das wirklich das Wesen der Jugend im positiven Sinne?

Obwohl schon so früh das Wort „Jugend” im verschiedenen Schriften vorkommt, kann man nicht wirklich über eine Jugend als vollständiger Gruppe in der Gesellschaft sprechen. Man war als junger Mensch sehr schnell von der Kindheit ins Erwachsensein getrieben. Fertig mit der Grundschule zu sein hiess, dass man eine Ausbildung anfangen konnte und ganz zügig dann ins Arbeitsleben reingenommen wurde. Uns meistens hatte man nicht selber Zeit oder Möglichkeit gehabt, sich zu überlegen, was man eigentlich für ein Beruf ausüben möchte. Man stand im Traditionsstrom der Familie und der Kultur drinnen. Ein Rest davon sind zum Beispiel die Familiennamen auf Deutsch, die auf Berufen hinweisen: Becker, Müller, Schuster… Man lebte in diesem Vererbungsstrom und das war auch richtig so. Ausnahmen und Revolutionären gab es immer. Aber es war nicht die Allgemeinheit.

Ich habe dann überlegt: Wann gab es in der Geschichte eine Spur, einen Anfang der Jugend  als anerkannte, selbstständige Gruppe in der Gesellschaft?

1896 erschien in Deutschland die erste Ausgabe der Zeitschrift „Jugend” und daraufhin nennen Historiker das 20. Jahrhundert das „Jahrhundert der Jugend”. Um 1900 entstand die Jugendbewegung in Mitteleuropa als eine ursprüngliche unpolitische Gruppe von jungen Menschen, die eine tiefe Unzufriedenheit der Gesellschaft gegenüber empfanden. Eine gemeinsame Suche begann, neue Wege in das Leben zu finden. Ein Leben, was freier sein müsste, nicht von der Tradition bestimmt und nicht in starre bürgerliche Überzeugungen gefesselt: Die freideutsche Jugend will ihr Leben nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung und in innerer Wahrhaftigkeit gestalten” hiess die Formel der Jugendbewegung. Die Kultur war zur Phrase, Convention und Routine geworden, ohne einen lebendigen Inhalt. Die Ideale der Französische-Revolution tauchten wieder auf und es gab eine große Hoffnung, die festgewordene Gesellschaft zu erneuern. Wilhelm Kelber, damals Leiter der Wandervogelbewegung drückte das so aus: „Ein fiebriges Suchen begann… Zurück zu den alten Kirchen und alten Weltanschauungen konnten wir nicht.” Die Jugend fand in den alten Strukturen nicht mehr, was sie suchte. Eine Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit, nach Ursprünglichkeit und Freiheit tauchte in den Herzen der Jugend auf. Die Wandervogel zogen auf dem Land und zelteten, machten Volkstänze ums Feuer und lasen philosophische Werke des deutschen Idealismus und der Antike. Viele junge Menschen fanden ihren Weg dann in der Anthroposophie und wurden impulsierende Persönlichkeiten für die Waldorfbewegung, die anthroposophische Gesellschaft, die Camphillbewegung und die Bewegung für religiöse Erneuerung.

Wie die Geschichte der Jugendbewegung, besonders der anthroposophischer Studenten- und Jugendbewegung, sich weiter entfaltet hat, kann man ausführlicher bei Christiane Haid nachlesen.[1] Wichtig ist für unsere Fragestellung diese Beschreibung, damit wir in diesen Anfängen den Geist der Jugend fassen können: tiefe Unzufriedenheit, lebendiger Wille, etwas zu verändern und sich mit der Welt zu verbinden, eine Suche nach dem eigenen Weg ins Leben. Kurz gefasst: Eine Suche nach Menschlichkeit – Im Innern drückt sich diese Suche mit der Frage nach der eigenen Menschlichkeit aus, nach der eigenen Identität; nach Außen, in der Sehnsucht nach einem wahren Menschentum in der Gesellschaft und in den Mitmenschen. Diese Qualitäten der Jugend waren sehr stark vor hundert Jahren und wurden manchmal sehr radikal auch. Wenn ich aber heute in die Gesellschaft schaue, finde ich, dass diese Qualitäten zum Grundgefühl vieler Menschen geworden sind. Nicht nur in Deutschland oder im Mitteleuropa, sondern überall auf der Welt gibt es Menschen, die dieser Gesinnung teilen. Das zeigen auch die Studien der Jugendsektion am Goetheanum, die seit 2017 einen Forschungsprojekt angefangen hat, um zu untersuchen, was heute in den jungen Menschen lebt.[2] In den Ergebnissen findet man eine bemerkenswerte Sache, nämlich dass junge Menschen (bis 35 Jahre) aus den unterschiedlichsten Hintergründen und Kulturen der ganzen Welt, wesentlich dieselbe Fragen und Ideen bewegen. Man hat diesen Interessen und Erzählungen der Interviewenden in fünf Bereichen zusammengefasst: Ursprung, Berufung, Erziehung, Beziehung und Spiritualität. Im Zentrum von allem aber steht die große Frage nach der Identität: Wer bin ich? Wer bin ich im Bezug auf meinen Ursprung, meiner Familie, meiner Kultur? – Die Frage des Ich steht heute im Zentrum; und bringt eine andere Frage mit sich: Wie steht dieses Ich zu anderen Iche? Und: wie steht dieses Ich zu Gott? Zu seinen Mitmenschen? Wie handelt dieses Ich in der Welt? – Mit diesen Fragen ist auch ein großes Einsamkeitsgefühl verbunden. Dieses Gefühl kommt dank der Individualisierung, da wir Menschen dieser Zeit immer individueller werden. Man kann nicht mehr von homogene Gruppen sprechen, wenn man auf die Gesellschaft schaut. Alles ist personalisiert, individualisiert, ichhaft geworden. Solche Bewegungen in der Geschichte meinte Rudolf Steiner, wenn er spricht, dass wir ab der Moderne in der Epoche der „Bewusstseinseele” leben. Das heisst, unter anderen, dass der einzelne Mensch anfängt, für sich selber als Individualität in der Welt zu stehen, um wahre Freiheit zu entwickeln. Dieses gilt sowohl für die irdischen Umständen (Kultur, Familie, Prägung der Mitmenschen) als auch für die Beziehungen der Menschen zu einem Höheren (Religion, Spiritualität, Weltanschauung). Und wie vorher gesagt, dies bringt eine große Einsamkeit mit sich. Man wird auf sich selbst zurückgeworfen, um Entscheidungen zu treffen. Woran man glaubt, was für einen Beruf man ausüben will, wie man mit anderen Menschen in Beziehung treten will… plötzlich ist man selber verantwortlich für die eigene Identität, für die eigene Bestimmung, wenn man nicht mehr von Außen bestimmt werden möchte.

Friedrich Nietzsche, zentraler Philosoph seiner Zeit am Endes des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, kam so weit, dass er diese neue Situation der einsamen Menschheit so beschrieb, dass er sagt, der moderne Mensch hätte Gott getötet”. Er betrachtete, dass die Entwicklungen des Intellekts, der Naturwissenschaft, dazu beigetragen haben, dass der Mensch nicht mehr eine äußere moralische Macht einfach so annehmen kann. Der moderne Mensch ab dem 20. Jahrhundert fängt an, die Materie und die Natur anders zu erforschen und so anders über die Welt und über sich selbst zu denken. Eine Moral von Außen kommend, die einem bestimmt (z.B eine Kirche oder Institution) wird in der heutigen Zeit als bedrückend erlebt — Diese krasse Aussage Nietzsches Gott ist tot” prägte sehr die Philosophie seiner Zeit und überhaupt das kommende 20. Jahrhundert. Ich betrachte es als ein Wachruf und eine Frage an der Menschheit dieser Zeit: Woran glauben wir, wenn alles Äußere, was uns vorher bestimmt und uns Richtung gegeben hat, nicht mehr zeitgemäß und nicht mehr gewollt ist? Woran stützen wir uns, wenn alles Äußere nicht mehr trägt?  — Diese Ratlosigkeit beschrieb Nietzsche so:

Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, ihr und ich! (…) Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? () Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?[3]

Obwohl Nietzsche in dem Pessimismus bleibt (Gott bleibt tot”) kann man sich fragen: Wie finden wir ihm wieder? Die Geschichte ist vielleicht nicht zu Ende, denn, es kann eine neue Aufgabe vor uns liegen: den Weg zu Gott jetzt wiederzufinden, um „Gott” aus dem Tode wieder in uns auferstehen zu lassen. Dieses neues Suchen, was Wilhelm Kelber in den Worten ausdrückt Zurück zu den alten Kirchen konnten wir nicht” trieb die europäische Jugend im 20. Jahrhundert zu allen möglichen Projekten und Initiativen, unter anderen zum Beispiel zur Gründung einer neuen Kirche mit dem Namen Bewegung für Religiöse Erneuerung.

Eine neue Art von Verbindung mit dem Geistigen, mit einem Höheren, mit dem Sinn hinter allem Leben, wird in unserer Zeit gefragt: Was für einen Sinn hat es, dass ich jetzt auf der Erde bin? Wieso bin ich geboren? Wo gehe ich nach dem Tode hin? Sind heute Fragen vieler Menschen, auch vieler jungen Menschen die an dem (Re)Search Projekt der Jugendsektion teilgenommen haben. Die Frage nach einer neuen Art von Spiritualität, unabhängig von einer Institution, war sehr anwesend in den Interviews (was auch die Interviewenden sehr überrascht hat).

Das Spannende hinter dieser Geschichte ist, dass gerade was Rudolf Steiner als Eigenschaften der Zeit der Bewusstseinseele beschrieben hat, was für die ganze jetzige Menschheit ab der moderne und stark ab dem 20. Jahrhundert gilt, besonders in den jungen Menschen zum Ausdruck kommt.

Die Duden-Definition für Jugend lautet: Entwicklungszeit (…) von der Entstehung bis zur vollen Entwicklung.”[4] – Die Jugend ist also eine Entwickelungszeit bis zum vollen Menschsein. Unter diesem Gesichtspunkt können wir stolz sagen: Wir sind eigentlich alle jung! Denn, wer kann sagen, er sei ein voller, ein fertiger, ganz freier Mensch? Und vielleicht brauchen wir es nicht so starr zu fassen, sondern wir können denken: Wir sind eigentlich alle jung und auch alt gleichzeitig. Ich stelle mir es wie zwei Strömungen vor, die in einem leben: die eine, die offen, bereit ist, Neues zu lernen und sich weiter zu entwickeln; die andere will so bleiben, wie sie ist und ist komplett überzeugt von dem eignen Standpunkt im Leben. Jung und Alt sind Qualitäten, die ganz Polar zueinander stehen. Die einer ist beweglich, warm, lebendig; die andere ist tragend und hat eine in sich ruhende Kraft, die Sicherheit und Struktur gibt. Beide brauchen aber einander, damit das Leben gesund gestaltet werden kann. Man kann nicht immer jung sein, sonst kommt es zu “Entzündungen”, zu wilder Revolution. Gleichzeitig wenn man viel von den Alterskräften in sich hat, erstarrt man; man würde im Leben nur feste Überzeugungen haben und starke unbewegliche Strukturen — ein lebendiges, gesundes Denken und Handeln in der Welt wäre ohne die Kräfte der Jugend nicht möglich.

Besonders in unserer Zeit merke ich, wie alles zu „alt” geworden ist. Wir sehen es in der Bildung, in unserer Wirtschaftssystem, und besonders in der Art von Denken, was durch unsere Gesellschaft gefördert wird. Die jetzige Krise zeigt es überall: Wir müssen lernen, neu zu denken. — Ein neues Verhältnis zur Erde, zu unseren Mitmenschen und zu uns selbst wird gefragt, sogar ein neues Verhältnis zu dem, was bis jetzt Teil unseres festen Glaubens war. Eine neue Suche nach dem Sinn beginnt, und da ist die Jugend gerade dran. So viele gute Impulse sind in letzter Zeit aus der Jugend hervorgekommen: Umweltbewusstsein, Ernährungsbewusstsein, Zero-Waste und Minimalismus Bewegung, Gemeinschafts/Ökobanken, Fairtrade-Wirtschaft, Gleichberechtigungsbewegungen… So könnte die Liste weitergehen von allem, was an Guten in letzter Zeit sogar “Trend” geworden ist.

Ich sehe eine neue Art von Spiritualität am keimen, was ich jetzt nennen möchte, eine Spiritualität des Sozialem — Ein Streben nach einer gesunden, zukunftsfähiger Art, sich mit der Welt, mit den Mitmenschen und mit dem eigenen Ich, mit der eigene Identität, zu verbinden. Letztendlich ist es eine Suche nach einem neuen Verhältnis zum eigenen Handeln in der Welt, eine Suche nach einer neuen Moralität: was aus dem Inneren kommt und die den Charakter des vorher äußeren Gotteslenkung ähnelt – jetzt aber ganz neu gegriffen, denn jeder kann ein persönliches, freies Verhältnis zu dem eigenen “Gott” aufbauen, zu dem eigenen Sinn.

Meine Entdeckung dieser Forschung ist, dass man im Anblick an die Jugend einen neuen Sinn, ein neues Wahrnehmungsorgan entdecken kann: einen Sinn für den Zeitgeist. Die Fragen, die in der Jugend leben, die sich meistens nur als Gefühl oder als Empfindung zeigen, deuten für mich auf die brennenden Fragen des Zeitgeistes an die Menschheit. Was will jetzt aus der Zukunft entstehen? Was braucht die Zeit? Was liegt in der Luft, was verwirklicht werden möchte? — Immer wieder neu zeigt die Jugend Antworten auf diese Fragen, manchmal leise und manchmal aber auch laut und deutlich. Die Bereitschaft, Neues zu lernen und immer wieder sich auf die Umstände, auf die Notwendigkeiten der Zeit, anzupassen, ist da.

So formulierte es Rudolf Steiner in seiner Vorträge über Anthroposophische Gemeinschaftsbildung, in Zeiten wo zwischen den “Jungen” und den “Alten” in der Anthroposophischen Gesellschaft einige Streitigkeiten gab, und ich glaube diese Worte sind nach fast hundert Jahren, in der aktuellen Situation, aktueller denn je:

„Das ganze 20. Jahrhundert hindurch wird, trotz allem seinem chaotischen, tumultuarischen Wesen, das die ganze Zivilisation durchsetzen wird, dieses als Bedürfnis aufzeigen: Es wird sich einstellen das Bedürfnis, dass Menschen an dem andern Menschen in einem höheren Grade werden erwachen wollen, als man erwachen kann an der bloßen natürlichen Umgebung. (…) Der Mensch muss mehr werden, als er dem Menschen immer war.

Er muss ihm zu einem weckenden Wesen werden.

Die Menschen müssen sich näher kommen,

als sie sich bisher gestanden haben:

zu einem weckenden Wesen

muss jeder Mensch,

der einem andern entgegentritt,

werden.”

(Rudolf Steiner, aus GA 257 Anthroposophische Gemeinschaftsbildung”)

Nach wahrer Begegnung strebt die Jugend von heute, die junge Menschheit von heute, und ich hoffe, dass wir dieses Streben gewahr werden. Ich hoffe, dass die Jugend immer mehr Mut im Herzen bekommt, sich auszusprechen; und dass die sogenannten “Alten” auch Mut bekommen, zu hören. Dies gilt auch andersrum genau so, und ist einer der größten Herausforderungen unserer Zeit: Interesse für den Anderen zu entwickeln.

Ich bedanke mich an Andrea de la Cruz aus der Jugendsektion (Dornach) für die interessanten Gespräche und Hinweise um dieses Thema im Rahmen des Forschungsprojektes ReSearch und wünsche soeben die Jugendsektion alles Gute in der weiteren Entdeckung.

Isabel Becker

geb. 2000 in Buenos Aires, Argentinien

Studentin der Freie Hochschule der Christengemeinschaft

[1] Auf der Suche nach dem Menschen – Christiane Haid, Verlag am Goetheanum, 2001

[2] www.youthsection.org/research/

[3] Die fröhliche Wissenschaft, Drittes Buch, Aphorismus 125 „Der tolle Mensch“ (KSA 3, S. 480 ff.)

[4] www.duden.de/rechtschreibung/Jugend

 

 

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