Wo bauen wir? – Brief von einem jungen Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft über die Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 2018

//Wo bauen wir? – Brief von einem jungen Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft über die Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 2018

Wo bauen wir? – Brief von einem jungen Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft über die Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 2018

Grenzbereiche sind die Orte, wo Menschen und Sprachen sich begegnen. Grenzbereiche sind gleichsam Todesstreifen, an denen aber auch das Leben unmittelbar erscheint. An den Übergängen erst wird die Sprache merklich und wo unterschiedliche Sprachen sichtbar werden, entsteht auch Sehnsucht nach Übersetzung, als Verständigung zwischen Unterschiedlichkeiten, zwischen sich fremden Grammatiken der Weltperspektive. Dort wo Übersetzungen gelingen, kann sich das Werden entfalten, denn dieses passiert geradezu immer durch den Eichpunkt der Übersetzung. Eine Übersetzung die sich selbst aber auch stetig neu zum Gegenstand wird, ein Eichpunkt der in sich den flexiblen Blickkontakt zwischen Einsicht und Aussicht zu umfassen fähig ist. Hier im Werden ist die Übersetzung das Scharnier zwischen dem Werden des einen und dem Werden des anderen und damit von weiter her betrachtet das Scharnier zwischen dem Werdegang des Einzelnen und dem der Gemeinschaft. So wie Gedichte in ihrem Gemeinten schwierig, beinahe unmöglich zu übersetzen sind, ist es schwierig das persönlich Individuelle seiner selbst, dem anderen und noch schwieriger einer Gemeinschaft zu vermitteln. Es wird allmählich offenbar, dass je eigener, individualisierter ein Mensch ist, desto deutlicher konventionelle Trägerschaften der Eigenheit zum Versagen verdammt sein müssen. Vielmehr sucht der Individuelle nach einer ihm alleine angemessenen Sprache, Ausdrucksweise, die seinem Eigensein und trotzdem einer allgemeinen Verständlichkeit stets von neuem Rechnung zu tragen im Stande ist. So wie allgemeine Begriffsbestimmungen keine endlos gültigen Abstraktionen sind, sondern immer die Reichweite des sich transformierenden menschlichen Erkenntnisvermögens in der ihrigen Zeit abstecken, so ist das Begreifen des Einzelnen abhängig von dessen geistiger Agilität und vor allem dem Zeitpunkt des Begriffes. Wenn wir uns in einem Zeitalter des Bewusstseins wissen, dann ist meines Erachtens nichts dringlicher als eine agile Flexibilität in der Vermittlung, gleich dem Herzschlag, von innen und aussen, vom Ich zum Du und von Menschheit zur Welt. Gerade das Bewusstsein steckt das Spannungsfeld ab, so nah an allem Geschehen zu sein, dass wir beinahe an unvermittelter Nähe erblinden und gleichzeitig eine Fernperspektive beziehen zu können, von wo aus wir kaum noch Formung sehen. In all dieser Beweglichkeit hat es aber vor allem die Fähigkeit Innen und Aussen, Unzeitliches und Zeitliches umarmend zu verschränken. Das Goetheanum ist mitten in der Wahrnehmung, mitten in der erforderlich unermesslichen Spannung zwischen Innen und Aussen eine Art Dolmetscher, ein Zentrum des individuellen Werdens, das sich immer wieder und wieder mit dem Werden anderer überkreuzt und so ein gemeinsames Werden stiftet ein immer neues freundschaftliches Handreichen in der Auflösung aller Zeitlichkeit. Das Ewigwährende wird stetig durch die Zeit herausgefordert und es selbst fordert diese schliesslich allmählich ein. Ich glaube, dass das Goetheanum im Werden als Schnittpunkt der anthroposophischen Bewegung begriffen, gerade in einer Zeit des Bewusstseins nur fernab aller nominalistischen Bezeichnungen weiter durch ein stets neu ansetzendes Übersetzen existieren kann, ein stetiges Überliefern, Abgleichen und somit Verwirklichen von Innen und Aussen. Ich denke aber, eine realistische anthroposophische Bewegung hat somit nicht einfach das Goetheanum als Schnittpunkt dieser Verschränkung zwischen Hochschule und Kosmopolitik, sondern ist reif einzusehen, dass die Befähigung zu diesem Verschränken, zum bewussten Übersetzen, sich tatsächlich in jeden Menschen selbst verschieben muss, wodurch es ortlos, global wird, um weiter zu existieren, um neu zu werden. Wenn man die anthroposophische Bewegung als eine wache, menschliche und bewusste Gesinnungsgemeinschaft verstehen möchte, mutete die vergangene Generalversammlung eigentümlich an. Das fragliche Ergebnis dieser erschien wie eine Zersplitterung der eigentlich angestrebten gemeinsamen Perspektive. Neben dem Ergebnis der Versammlung mutete der zwischenmenschliche Umgang äusserst geschmacklos und beschämend an. Die lang und emotional diskutierte Zäsur-Frage der beiden Vorstandsmitglieder Bodo von Plato und Paul Mackay kulminierte in einer fraglichen Artikulation. Eine Artikulation die einem Nein zur Hinwendung in die Welt gleichkam, gerade da die beiden sich zur Entscheidung stellenden, unter anderen, für viele, vor allem auch jungen Menschen, für eine gelingende Übersetzung der Anthroprosophie in die Welt und umgekehrt standen, wie auch erwähnt wurde für viele Mitglieder der Peripherie das Antlitz der Anthroprosophie sind. Eigentümlich mutete die Entscheidung auch an, da dem nahezu einstimmigen Votum des Vorstandes und der Generalsekretäre (mit schwammig begründeter Ausnahme der Schweizerischen Gesellschaft) kein Vertrauen gebilligt wurde. Es wurde eine Entscheidung durchgerungen, welche einen Anspruch auf Demokratie erhob, eigentlich aber eine Mischform von Nicht-Repräsentation, Aristokratie war (Die anwesende Wählerschaft machte ca. zwei Prozent der weltweiten Mitgliedschaft aus, davon waren geschätzt weniger als zehn Prozent unter dreissig). Zahlreicher Voten im Hinblick auf eine Umformulierung oder allfällig sinnvolle Verschiebung dieser Debatte zum Trotz, wurde die Entscheidung durchgesetzt. Wie Constanza Kaliks mit Hannah Arendt trefflich formulierte, ist die Entscheidung nun getätigt und damit unwiederruflich. Was aber noch unbegangen ist, sind neue, daraus hervorgehende Verabredungen, nach welchen sich jede Unwiederruflichkeit sehnt. An dieser Stelle wird es notwendigerweise fraglich, wohin wir gehen wollen, welches die aus der Zukunft gegriffen werden wollenden Perspektiven sind und welches die dafür geeigneten Persönlichkeiten sind. Ich glaube die bewusste anthroprosophische Bewegung, welche durch das Individuum getragen, ist eine Angelegenheit, die fähig wäre Spezifitäten integrativ zu überschreiten, welche fähig wäre mit der Nomenklatur der Phänomene, aus welcher sich die spezifischen Lebensperspektiven ableiten, zu jonglieren und so zu einem Bewusstsein zu erwachen das jenseitig verschiedenster Begrifflichkeiten und Theoreme, eine Bewegung, die sich dem flutenden Leben zuwenden kann, ohne oder besser noch gerade durch die Angst des Verlustes, letztere überwindend. Geradeso, dass alle Perspektiven, Grammatiken sich selber immer wieder vergessen können, den Mut haben sich immer erneut in Nächtlichkeiten, zu begeben und dadurch umso klarer und begreifbarer wird, was man wahrlich errungen hat und dadurch neu in einem erstehen kann. So dass wir uns selbst zu einer heiter frischen Morgensonne der Erinnerung, des Verinnerlichten werden. Mir drängt sich so oft ich daran denke immer wieder die Gestalt des Boethius auf, der gewissermassen das Erbe der gesamten Antike in der Barke seiner Person über den Fluss oder der Schwelle des Vergessens ins Latein ins Mittelalter schliesslich ins Christentum übersetzte. Schliesslich kam er vom Machthaber Theoderich in Verdacht auf Verrat und wurde von diesem zur Hinrichtung verurteilt. In der Zeit vor seinem Tode, vor dem unumgänglichen Antlitz des Todes verfasst er die Consolatio Philosophie, in dieser steht er nicht nur dem Tod, sondern damit sich selbst unmittelbar entgegen. Es ist eine Rechenschaft mit dem Leben, der Übergang zwischen seinem persönlichen Sein zum Leben an sich, bei Boethius in Gestalt der personifizierten Philosophie, also der personifizierten Liebe, der Liebe zur Weisheit. Dazwischen steht wie ein Schleier verzerrend und gleichsam verlockend die verzerrende Selbsttäuschung gleich einem Verruf. In solchen Ultimativen Momenten steht, sofern man sich aus der Selbsttäuschung zu erretten vermag, nur noch das was man ist vor einem, alles wodurch man geworden ist, entzieht sich. In solcherlei Nächtlichkeiten sind wir von allen Theoremen, Namen oder Heranführungen entlassen, was alleine bleibt, ist die Substanz, die Substanz des Gewordenen. Es ist die folglich letzte Übersetzung, die Übersetzung über den Styx und wir sind uns selber Fährfrau/mann, Charon. Übersetzter der in dieser Dunkelheit nach innerem Gewissen, nach dem wahrlich Angeeigneten führt. Die Entscheidung der Generalversammlung erschien mir gleich einem Abbruch, einem Abfall der Übersetzung oder einem Schiffbruch. Irgendwo zwischen Meuterei, Meuchlerei, kippenden Horizonten und Zerschlagung der Besatzung. Alles was in solchen Momenten hilfreich ist, sind Handreichungen, neue Banden die geknüpft werden wollen, neue Versprechen, die das was blieb neu verabreden, den Horizont neu erfinden. Im Anbetracht dessen, dass Boethius, Tod, Übersetzung, Kenterung und Verabredungen alles nichts Aussergewöhnliches sind, sondern allgegenwärtige Begebnisse, die uns immer erneut ins Reich des Unfertigen, dasjenige der Freiheit führen, sind wir gefragt, uns darin selber zu begegnen und über Selbsttäuschung und Rechtfertigung in liebendem Handeln dem Lebendigen zu begegnen.

Elena Borer

2018-10-10T19:49:35+00:00